Bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung wurden Tempelwände, Säulen, Obelisken und Gräber mit Hieroglyphen verziert. Sorgfältig gemalt oder in Stein gemeisselt ziehen sie noch heute Ägypten-Besucher in ihren Bann. Die Hieroglyphen (Bilderwörter) entstanden um 3100 v. Chr. und wurden eigentlich nur von Beamten für Aufzeichnungen benutzt. Erst später wurde sie auch für die heiligen Inschriften auf Grabsteinen, Tempeln, Obelisken und Skulpturen verwendet.
Der Franzose Jean-Francois Champollion, der sich seit seiner frühesten Kindheit mit der Ägyptologie beschäftigte, verwarf alle bis dato bestehenden Forschungen um den Stein und nahm an, daß die Hieroglyphen keine Bilderschrift sondern eine Lautschrift ist. Des weiteren sind in der Hieroglyphenschrift des Steins einige Zeichen von einem Oval, einer sog. Kartusche umgeben; die Zeichen in den Kartuschen sind stets die gleichen. Eigentlich, überlegte Champollion, müssten diese Zeichen für den Namen des Pharao Ptolemaios stehen. Denn was sonst als der Name des Gottkönigs wäre würdig, so hervorgehoben zu werden?
Inzwischen hatte man auf der Nilinsel Philae einen zweiten Schriftenstein, den sog. Obelisken von Philae gefunden. Auf diesem Stein befanden sich nur zwei Inschriften, in griechisch und in Hieroglyphen.
Auch hier gab es wieder diese seltsamen Kartuschen, aber mit zwei verschiedenen Hieroglyphengruppen in der Umrandung. Die eine war identisch mit jener vom Rossetta-Stein, die Champollion für Ptolemaios hielt; die andere müsste dann, so folgerte der junge Franzose, der griechischen Inschrift zufolge den Namen der ägyptischen Königin Kleopatra bedeuten. Nun war alles plötzlich ganz einfach: Champollion schrieb die beiden Namen Kleopatra und Ptolemaios nebeneinander, darunter die beiden umrahmten Hieroglyphen - und siehe da - das zweite Hieroglyphenzeichen im Wort Kleopatra entsprach genau dem vierten Zeichen im Wort Ptolemaios, es mußte also ein "l" bedeuten. Ebenso stimmten das vierte Zeichen in Kleopatra mit dem dritten in Ptolemaios und das fünfte Zeichen in Kleopatra mit dem ersten Zeichen in Ptolemaios überein, die Lautzeichen für "o" und "p". Der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen war gefunden.
Dem geschriebenen Wort wurde große Macht zugeschrieben. Das erklärt die verstümmelte Ausführung mancher Hieroglyphen in religiösen Inschriften: Auf diese Weise sollten drohende Gefahren neutralisiert werden. Königsnamen wurden in ein Oval, eine sog. "Kartusche", geschrieben, um sie zu schützen. Durch Aneinanderreihung dieser Kartuschen entstanden die sog. Königslisten. Diese chronologischen Listen waren sehr selektiv - Monarchen, die von späteren Pharaonen als unvollkommen betrachtet wurden, wurden aus den offiziellen Aufzeichnungen entfernt. Die Auslöschung des Namens bedeutete die völlige Auslöschung des Königs aus der Geschichte, ein Schicksal, das mehreren Pharaonen zuteil wurde, darunter auch dem "ketzerischen" Echnaton. Außerdem glaubte man, einen Toten durch Aussprechen seines Namens wieder lebendig machen zu können. Deshalb wurde der Name des Verstorbenen in Grabinschriften oft wiederholt.

